Konzept für eine Arbeitsgemeinschaft zur Förderung privater PKW-Fahrgemeinschaften (Entwurf)

[evtl. im Rahmen einer „Allianz zusammen fahren“, „AG Mitfahren“, „AG nachhaltig mobil“ oder ähnlich]

A. ZUR EINORDNUNG VORAB: „TUN WAS MAN KANN“
Neben mittel- und längerfristig angelegten Aktivitäten in Richtung einer nachhaltigen Mobilität kommt es aktuell darauf an, besonders solche Ansätze zu forcieren, die bei eher geringem Aufwand relativ kurzfristig konkrete positive Ergebnisse in den Bereichen Verkehrsvermeidung, Luftreinhaltung und Klimaschutz zu erzielen helfen.

VORGESCHICHTE UND MOTIVATION
Zwischen 2007 und 2010 stieg in Deutschland die Anzahl an regional und bundesweit nutzbaren Vermittlungsangeboten für private Fahrgemeinschaften kontinuierlich auf über 80 an. Kontraproduktives Ergebnis war ein immer unübersichtlicher werdendes Geflecht unterschiedlicher, sich räumlich überlappender, jedoch nicht vernetzter Mitfahrvermittlungen für Kurz- und/oder Langstreckenfahrten. Eine wachsende Zahl von heterogenen Mitfahrbörsen ist jedoch kontraproduktiv, solange sie durch die Verstreuung der räumlich benötigten „kritischen Masse“ (gleiche Zeit, gleiche Strecke) das Vermittlungspotential reduziert und der private Mitfahrmarkt zudem nicht ausreichend mit anderen Mobilitäts- und Informationsangeboten vernetzt wird. Notwendig wäre eine breite qualifizierte Vernetzung möglichst aller Vermittlungsangebote.

Hinzu kommt, dass es beim aktuellen Entwicklungsstand für die Medien schwierig ist, über die Vielzahl der Angebote und unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten zu informieren. Ein hoher Bekanntheitsgrad ist jedoch für alle Vermittlungsangebote zur Erreichung der kritischen Masse, als Voraussetzung für Vermittlungserfolge, sehr wichtig.

Als Folge der damaligen Entwicklung hat sich die Anzahl der Systeme bis heute in etwa halbiert. Hierbei sind leider auch einzelne technisch besonders innovative Angebote verschwunden. Seit 2011 vermehrt hinzugekommen sind neue App-Angebote für eine interne Suche in Unternehmen oder Verwaltungen (sogenannte Inselsysteme), lokale bzw. regionale Angebote für ländliche Räume und zum Teil analoge Angebote wie Mitfahrbänke oder die Mitfahrscheibe. Außerdem gibt es noch einige internationale App-Angebote, mit – auf Grund der allgemeinen Problemstellung – eher geringem Vermittlungspotential.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes (2009-2011) des Forschungsprogramm Stadtverkehr (FoPS) wurde als Lösungsansatz eine Vernetzung möglichst aller Mitfahrvermittlungen über ein Metaportal zur Verbesserung der Effizienz und des Potenzials von Mitfahrvermittlungen empfohlen, auf dessen Ergebnissen, als Basis, das aktuelle Projekt „MetaMitfahrPort“ aufbaut. Die im Rahmen des FoPS Projektes anvisierte Initiierung eines Dachverbandes der Mitfahrvermittlungen zum Betrieb eines Metaportals konnte damals auf Grund der Konkurrenzsituation im Mitfahrmarkt nicht erreicht werden und soll jetzt durch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft (AG) mit einer deutlich breiteren Basis, ermöglicht werden. Auch andere Initiativen und Institutionen, die das Ziel haben private PKW Fahrgemeinschaften zu fördern (Mitfahrbänke, Mitfahrscheibe, Mitfahrparkplätze, Informations- und Vernetzungsangebote, Forschung), arbeiten bisher nur teilweise zusammen und könnten von einer Beteiligung an der geplanten AG profitieren.

VORTEILE / BEDARF / POTENTIAL 
Fahrgemeinschaften haben für ihre Nutzer sowie allgemein für den Verkehrsbereich als auch insgesamt für die Gesellschaft vielfältige Vorteile. Wesentliche Motivationen, heute PKW Fahrgemeinschaften zu bilden, sind die deutliche Verringerung der Mobilitätskosten, die Reduzierung von Stress als Mitfahrer und verstärkt soziale Aspekte. Für Staat bzw. die Kommunen steht neben der Erweiterung des Mobilitätsangebots, der Verkehrsvermeidung und der damit verbundenen Verringerung des Parkraumdrucks in Städten der positive Beitrag zur Gesundheits-, Klima- und Umweltentlastung im Vordergrund.
Es überrascht daher nicht, dass das Interesse, Fahrgemeinschaften zu bilden, besonders vor dem Hintergrund weiter gestiegener Pendlerzahlen, zunehmender Staus, tendenziell steigender Treibstoffkosten und veränderter Raumstrukturen in den letzten drei Jahrzehnten allgemein zugenommen hat.

Laut BMUB forsa-Studie 2016 nutzen 70% für ihre Wege im Alltag täglich oder mehrmals in der Woche das Auto, und ein großer Teil kann sich mittlerweile einen Umstieg auf umweltfreundliche Alternativen vorstellen. Hierzu gehören auch Mitfahrgemeinschaften. Wie bereit die Menschen sind, vom Auto auf andere Verkehrsmittel zu wechseln, unterscheidet sich nach der Herkunft bzw. dem Wohnort (städtische und ländliche Räume). So ist die Bereitschaft Fahrgemeinschaften zu nutzen, in ländlichen Gemeinden/Städten unter 20.000 Einwohnern mit 49% deutlich höher als in städtischen Räumen mit 20.000 -100.000 Einwohnern und über 100.000 Einwohnern mit je 38%. Weiter ergab die Befragung, dass sich Frauen (46%) dies eher vorstellen können als Männer (40%), Jüngere (bis 19J 81%, 20J bis 29J 68%) deutlich eher als Ältere (50-59J 41%, 60-69J 28%) und Menschen mit geringerem Einkommen (bis 1000€ 68%) eher als Menschen mit höherem Einkommen (3000-4000€ 40%).

Schaut man sich jedoch die Entwicklung des PKW-Besetzungsgrades (1,5 bzw. 1,1 im Berufsverkehr Personen/PKW) oder die Nutzung von privaten Fahrgemeinschaften (MID 2002/2008/2017-Anteil Wege: 16%/15%/14%) an, so sind deren Zahlen seit Jahren rückläufig.

Die Motivation für das jetzige Projekt basiert auf eine „Umfrage zum Einbruch des Mitfahrmarktes“ einer Mitfahrvermittlung im Herbst 2016. Die Rückmeldungen der Nutzer dokumentierten im Wesentlichen Ratlosigkeit über die Abnahme der Anzahl der Mitfahrangebote und -gesuche in den verschiedenen Vermittlungsangeboten. 

Online-Mitfahrzentralen werden in Deutschland im europäischen Vergleich selten genutzt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anlässlich der Europäischen Mobilitätswoche 2019 im September mitgeteilt hat. Demnach „buchten 2018 nur 2% der 16- bis 74-Jährigen private Mitfahrangebote über spezialisierte Websites oder Apps. In anderen Staaten der Europäischen Union (EU) ist das Buchen privater Mitfahrgelegenheiten über das Internet weitaus stärker verbreitet. Estland liegt mit großem Abstand vorne: 2018 nutzten dort 22% der Bevölkerung private Fahrdienste. Der EU-Durchschnitt lag bei 6%.“

Zwischen-Resümee: Die Zahlen zeigen eine grundsätzlich ausreichende Bereitschaft Fahrgemeinschaften zu bilden. Die zentrale Ursache für die geringe Nutzung von Fahrgemeinschaften ist die Vielfalt nicht oder nur zum Teil vernetzter Vermittlungssysteme und die daraus resultierende Intransparenz des Mitfahrmarktes, welche zur Ermüdung der Nutzer/innen und zur Reduzierung der Inserate geführt hat. Wer über einen längeren Zeitraum in unterschiedlichen Systemen ohne Erfolg gesucht hat, gibt irgendwann auf. Daher wird eine zentrale Aufgabe des begleitenden Marketings beim Betrieb des Metaportals sein, diesen Zusammenhang zu erläutern. Zudem sollte durch gezielte Kooperationen von Kommunen, Unternehmen und Institutionen mit Mitfahrvermittlungen und Initiativen die Nutzung von Fahrgemeinschaften, bzw. konkret die vermehrte Einstellung von Mitfahrangeboten und -gesuchen, unterstützt werden.

KONFIGURATION: AUSRICHTUNG DER ARBEITSGEMEINSCHAFT 
Das Projekt „MetaMitfahrPort“ fußt einerseits auf den Erfahrungen einer kommunalen Arbeitsgemeinschaft (AG der Pendlerserviceregionen – Ziel: private Pendler-Fahrgemeinschaften durch Vermittlungsangebote und Werbung zu fördern), und andererseits, wie oben dargestellt, auf den Ergebnissen eines Forschungsprojektes im Rahmen des Forschungsprogramm Stadtverkehr (FoPS) und den Rückmeldungen von Mitfahrvermittlungen während der Umsetzung.
Die im Rahmen des FoPS Projektes anvisierte Initiierung eines Dachverbandes der Mitfahrvermittlungen zum Betrieb eines Metaportals konnte damals auf Grund der Konkurrenzsituation im Mitfahrmarkt nicht erreicht werden und soll jetzt durch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft (AG) mit einer deutlich breiteren Basis, ermöglicht werden.

An der geplanten AG sollen sich neben den Betreibern von Mitfahrvermittlungen auch Initiativen zur Förderung des Mitfahrens (Mitfahrbänke, Mitfahrscheibe, Mitfahrparkplätze, Information/Vernetzung), Verbände, Kommunen, Institutionen und Förderer beteiligen können. Auch die Nutzer des geplanten Metaportals können an der Entwicklung und Finanzierung mitwirken. Die geplante AG soll neben der Umsetzung und dem Betrieb des Metaportals (inklusive Marketing) auch die Fortentwicklung und multimodale Vernetzung (Open Data) der Mitfahrvermittlung und den Dialog zwischen Betreibern und Nutzern unterstützen. Außerdem soll zur Stabilisierung und Wiederbelebung des Mitfahrmarktes die Erhaltung und Stabilisierung bestehender Strukturen und die Bildung von neuen Strukturen und Kooperationen z.B. zwischen Kommunen, Unternehmen und Institutionen mit Mitfahrvermittlungen und Initiativen unterstützt werden.
Durch das gemeinsame Engagement soll die rückläufige Anzahl an Mitfahrangeboten und -gesuchen in den verschiedenen Vermittlungsangeboten wieder deutlich erhöht werden.

Des Weiteren soll die AG den Fachdialog verschiedener Akteure zur Entwicklung von Anreizen und Maßnahmen zur Förderung privater PKW-Fahrgemeinschaften unterstützen. Auch hier ist das zentrale Ziel, durch Dialog, Kommunikation und Bera-tung eine Verbesserung der Transparenz des Mitfahrmarktes zu erreichen und hier-durch eine Nutzungsausweitung privater PKW-Fahrgemeinschaften.

B. AUF DEM WEG ZU METAPORTAL UND AG
Das Projekt „MetaMitfahrPort“ erstellt aktuell eine Machbarkeitsstudie zur Realisierung des Metaportals. Hierzu gehört unter anderem die Initiierung einer Arbeitsgemeinschaft, die das Metaportal betreiben und die Nutzungsausweitung privater PKW-Fahrgemeinschaften fördern soll. Aktuell beschäftigt sich die Projektgruppe mit der Erfassung und Untersuchung des Mitfahrmarktes und der Ansprache unterschiedlicher Akteure. Zudem werden parallel mit verschiedenen Mitfahrvermittlungen Möglichkeiten der Vernetzung über eine Schnittstelle und ein Open Data Ansatz diskutiert. Kooperationspartner und weitere Akteure werden angesprochen, um ein gemeinsames Konzept für die AG zu entwickeln und umzusetzen. Das Ergebnis der Machbarkeitsstudie ist ein Umsetzungskatalog, der die Anforderungen der Mitfahrvermittlungen an die Schnittstelle des Metaportals sowie den Rahmen der Zusammenarbeit beschreibt als auch deren Bereitschaft zur Beteiligung dokumentiert und auf dieser Basis eine Kosten- und Finanzierungsabschätzung für die Erstellung und den Betrieb des Metaportals als Mitfahrmarkt ermöglicht. Außerdem enthält der Katalog, als Ergebnis des Dialogs mit den verschiedenen Akteuren, der Tagung und der Rückmeldungen aus den Verbänden und Institutionen, ein Grobkonzept für das begleitende Marketing.

Die so vorbereitete Anschlussphase im Projekt bezieht sich dann auf die faktische Erstellung, den Test und den Betrieb des Metaportals sowie die Abstimmung, Entwicklung und die Umsetzung des begleitenden Marketings. Das Marketing soll hierbei auch allgemein die Nutzung von Fahrgemeinschaften sowie die Vielfalt der Angebote des Mitfahrmarktes (Gattungsmarketing) als auch das Metaportal als zentrales Suchportal bewerben. Auf Basis der aktuell laufenden Untersuchung des Mitfahrmarktes wird empfohlen, auch weitere Initiativen z.B. zur Einrichtung von Mitfahrbänken oder Mitfahrscheiben anzusprechen. Außerdem wurden bereits Mitfahrvermittlungen in der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Liechtenstein erfasst und kontaktiert, deren Angebote auch in Deutschland genutzt werden. Auch diese Betreiber sollten sich an der AG beteiligen können.

Die Machbarkeitsstudie soll zudem ausgedehnt und genutzt werden, um App-Angebote mit neuen „Insellösungen“ (zur internen Mitfahrvermittlung in Unternehmen), grenzüberschreitende Angebote und neue MitfahrInitiativen mit in die Entwicklung des Metaportals und der Arbeitsgemeinschaft einbeziehen zu können. Die Betreiber der „Insellösungen“ könnten einen öffentlichen Bereich in die eigentlich geschlossenen Unternehmenslösungen integrieren und so ermöglichen, dass Interessierte, die im Unternehmen keine Angebote/Gesuche gefunden haben, über das Metaportal vermittelt werden könnten. Des Weiteren – das ist für die Weiterarbeit zu berücksichtigen – muss laut der aktuell gültigen Anforderung der mFUND-Projektförderung für die Anschlussphase ein Eigenanteil von 25 Prozent der Projektausgaben erbracht werden. Die bisher projektunterstützenden Verbände und Akteure werden, nach dem aktuellen Stand der Gespräche, diesen Anteil nicht erbringen, können sich jedoch vorstellen, einen geringen Mitgliedsbeitrag zu leisten. Daher sollen parallel zur Entwicklung der Arbeitsgemeinschaft Förderer gefunden und als Mitglieder der AG gewonnen werden.

C. ORGANISATION UND FINANZIERUNG:
ARBEITSGEMEINSCHAFT ZUR FÖRDERUNG PRIVATER PKW-FAHRGEMEINSCHAFTEN (AGpF, Arbeitstitel)

Vorgeschlagen wird die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft (AGpF) der am Thema Interessierten. Sie kann beim Schlussworkshop von Phase 1  grundsätzlich ins Leben gerufen werden. Sie ist, was bei der Struktur der Beteiligten ansonsten zu sehr langen Vorlaufzeiten und Komplikationen führen würde, (zunächst) keine eigene juristische Person (e.V., gGmbH, GbR, GmbH).

Es handelt sich vielmehr (zunächst) um den Zusammenschluss von Interessierten unter der Federführung eines rechtsfähigen AG-Managements (z. B. eines der Projektpartner oder eines der anderen Mitglieder). Ein erfolgreiches Beispiel für eine solche Konstruktion liefert bei der TAT gGmbH die „Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Umweltschonende Schmier- und Verfahrensstoffe – AG BioÖl“ mit Geschäftsstelle TAT gGmbH, die auf dieser Basis seit 30 Jahren erfolgreich arbeitet. https://www.tat-zentrum.di/ag-biooel.html

Ob die Arbeitsgemeinschaft (später) eine eigene Rechtsperson sein wird oder (weiterhin) eine Arbeitsgemeinschaft mit einer Geschäftsstelle (die dann die Rechtsperson ist, z. B. GmbH oder gGmbH), wird der Entscheidung der Mitglieder zu überlassen sein.

Anmerkung: Ergänzte und gekürzte Version des Entwurfs vom Juli 2019 

Sachstand: In (D) nutzbare Mitfahrvermittlungen

Wir recherchieren aktuell Mitfahrvermittlungen die in Deutschland nutzbar sind und sprechen deren Betreiber an. Hierzu haben wir auf Twitter @MetaMitfahrport einen „Moment“ angelegt und sämtliche Mitfahrvermittlungen mit einem Screenshot und dem Link zum Vermittlungsangebot integriert.
Die Tweets sind zur Orientierung bezogen auf die verschiedenen Betreiber nummeriert.

Sollten Nutzer weitere Angebote kennen oder Mitfahrvermittlungen hier nicht zu finden sein, freuen wir uns über einen Hinweis bzw. eine Kontaktaufnahme (Rolf Mecke, bünamo).

Zwischenstand Mitfahrmarkt: Insgesamt 56 Mitfahrvermittlungen von 49 Betreibern

  • 38 offene Mitfahrvermittlungen – davon:
    • 6 grenzüberschreitende in Nachbarstaaten (Luxemburg, Österreich, Lichtenstein..)
    • 15 Regionalsysteme,
    • 2 Systeme für bestimmte feste Routen
  • 8 Inselsysteme – interne Suche in Unternehmen
  • 7 neue Systeme – viele für spontane Vermittlung, aktuell in der Pilotphase in Testgebieten
  • 3 sonstige Systeme (Kleinanzeigen, Bringdienst)

Zudem bestehen weitere Angebote wie Mitfahrbänke, Mitfahrtafeln und weitere Treffpunktformen wie Mitfahrparkplätze.

Link zum Twitter-Moment.

Warum braucht der Mitfahrmarkt ein MetaMitfahrPortal?

Die Optimierung der Mitfahrvermittlung und der Weg dorthin

Problemstellung

Miteinanderfahren spart Geld und Nerven, senkt das Verkehrsaufkommen und schont die Umwelt und das Klima. Viele Menschen sind bereit und gewillt zusammen zu fahren. Mitfahrvermittlungen für private PKW-Fahrgemeinschaften im Internet könnten erhebliche Nutzenpotenziale bieten, sie können diese jedoch derzeit – aufgrund ihrer Vielzahl und Heterogenität und der fehlenden Transparenz des Mitfahrmarkts – nicht ausschöpfen. Eine Vernetzung über ein Metaportal verbessert deutlich deren Effizienz und Potenzial, und es ergibt sich ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen. Die Voraussetzung für die Einrichtung und den erfolgreichen Betrieb eines solchen Metaportals werden in diesem Projekt erarbeitet.

Vorgeschichte

Mitfahrvermittlungen per Internet sind nicht neu. Die ersten von ihnen basierten auf Ortslisten, zu Beginn nur mit größeren Städten. Für ländliche Gebiete sowie für Alltags- und Berufspendler waren sie nur bedingt nutzbar. Für den Raum Bonn entstand im Jahr 2000 das erste Konzept für ein Pendlernetz, das auch Ortslisten mit kleineren Orten der Umlandkreise enthielt. Im Herbst 2002 starteten dann Pendlernetze in Stuttgart und in Nordrhein-Westfalen.

In NRW beteiligten sich bis zu 38 Kreise und kreisfreie Städte an dem Agenda 21-Projekt „Bürgerservice Pendlernetz“. Ziel war eine möglichst große Ausbreitung, um dem zunehmenden Pendlerverkehr und den komplexen regionalen Pendler-Verflechtungen zu entsprechen. In der Folge entstanden weitere Angebote, vom“Pendlerportal“ in Schleswig-Holstein bis hin zur „MIFAZ“ in Bayern, die ihre Angebote auch in andere Bundesländer ausweiteten.

Aufgrund steigender Benzinpreise, der Klimadiskussion und der Pendlerentwicklungen stieg 2007 die Anzahl der regionalen und bundesweit nutzbaren Mitfahrvermittlungen im Internet deutlich an – 2011 gab es über 80 von ihnen, aktuell sind es noch rund 40. Ergebnis war ein immer unübersichtlicher werdendes Geflecht unterschiedlicher, sich räumlich überlappender, jedoch nicht vernetzter Mitfahrvermittlungen für Kurz- und/oder Langstreckenfahrten. Diese Vielzahl und die Heterogenität der Angebote erhöhten deutlich den Suchaufwand für das Zusammenfinden.

Fazit: Eine Vielzahl an Systemen verbessert nicht das Vermittlungspotenzial, sondern erhöht insgesamt die Anzahl der Nutzer, die benötigt werden, um die kritische Masse zu erreichen. Es ist also wichtig und sinnvoll, den Nutzern alle bestehenden Angebote über ein zentrales, aus mehreren Vermittlungsportalen zusammengeführtes Zugangsportal anzuzeigen, so dass möglichst alle Mitfahrgelegenheiten genutzt werden können.

Vor diesem Hintergrund hat eine kommunale Arbeitsgemeinschaft im Jahr 2008 beim Bundesverkehrsministerium eine Untersuchung der Auswirkungen im Rahmen des Forschungsprogramms Stadtverkehr (FoPS) angeregt; siehe auch die Projektbeschreibungen auf den Webseiten der RWTH Aachen und der ivm RheinMain. Zudem sollte ein Lösungsbzw. Vernetzungskonzept erarbeitet werden. Die Ergebnisse des Projekts zeigten: Eine Vernetzung über ein Metaportal verbessert die Effizienz und das Potenzial von Mitfahrvermittlungen deutlich, und es ergibt sich ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen. Die Initiierung eines Dachverbandes der Mitfahrvermittlungen zum Betrieb eines Metaportals konnte auf Grund der Konkurrenzsituation im Mitfahrmarkt damals leider noch nicht erreicht werden.

Kritische Masse

Als „kritische Masse“ wird in der Mitfahrvermittlung die Mindestanzahl an Personen bezeichnet, die in einem Vermittlungsportal zusammenfinden muss, um für bestimmte Fahrtrouten Fahrgemeinschaften zu ermöglichen.

Die Problemstellung wird in einem Vergleichsbild deutlich: Mitfahrvermittlung funktioniert wie ein Schwimmbad, in das man das Wasser zum Schwimmen mitbringen muss. Nur wenn genug Menschen zusammenfinden, ist der Wasserpegel im Becken hoch genug zum Schwimmen. Das bedeutet auch, dass mit der Anzahl der „Schwimmbäder“ der Bedarf an interessierten Nutzern zur Erreichung der kritischen Masse entsprechend ansteigt.

Betrachtet man als Beispiel regionale Pendlerströme vom Wohnort zum Arbeitsort, wird deutlich, dass es, je geringer die Pendlerströme sind, desto schwieriger wird, bei einer Vielzahl an Mitfahrbörsen das insgesamt vorhandene Potenzial an Fahrgemeinschaften auszuschöpfen. Im ländlichen Raum, mit geringeren Pendlerströmen zwischen 10 und 100 Pendlern, eröffnet erst eine Vernetzung der bestehenden Angebote die Möglichkeit, Mitfahrer zu finden.

Ein neuer Anlauf

Die Motivation für das jetzige Projekt fußt auf der „Umfrage zum Einbruch des Mitfahrmarktes“ einer Mitfahrvermittlung im Herbst 2016, die bereits am FoPS-Projekt beteiligt war.

Die Rückmeldungen der Nutzer dokumentierten Ratlosigkeit über die Abnahme der Anzahl der Mitfahrangebote und -gesuche in den verschiedenen Vermittlungsangeboten.

Hierdurch angeregt, bildete sich in den folgenden zwei Jahren die Projekt-Arbeitsgruppe, die das Projekt MetaMitfahrPort initiierte. Mehrere Verbände und Kommunen konnten bereits zur Projektbegleitung und für die notwendige Öffentlichkeitsarbeit als Unterstützer gewonnen werden. Zudem wurden im Jahr 2018 beim Bundesverkehrsministerium Fördermittel im Rahmen des Modernitätsfonds mFUND für eine Machbarkeitsstudie zur Vorbereitung der Umsetzung eines MetaMitfahrPortals eingeworben.

Vorhaben und Ablauf

Die Machbarkeitsstudie läuft von November 2018 bis Oktober 2019. Sie dient der Informationsbeschaffung und -vermittlung, Evaluierung des Spektrums an Akteuren, Erfassung und Abstimmung der Anforderungen zur Umsetzung des Metaportals und zur Aufwandsabschätzung. Darüber hinaus sollen bereits organisatorische, technische und rechtliche Fragen für die Erstellung sowie den späteren Betrieb und das begleitende Marketing abgeklärt werden.

Ziel ist es, mit Einbindung der Betreiber der bestehenden Mitfahrvermittlungen und weiterer Akteure im Sinne von Mobilität 4.0 ein zeitgemäßes Konzept für ein offenes neutrales „Metaportal“ als Mitfahrmarkt (sowie einem dazugehörigen offenen Standard und optionale OpenData-Konzepte) zu entwickeln und das Portal im weiteren Verlauf per App über Smartphone und Tablet nutzbar zu machen. Dabei wird das Portal als gut erläutertes, reines Suchportal konzipiert. Die Einführung des Metaportals soll durch ein breites Marketing begleitet werden, welches die Möglichkeiten und Vorteile des Miteinanderfahrens in Fahrgemeinschaften vermittelt und Vorbehalte abbaut.

In einer folgenden zweiten Phase sollen Metaportal und App umgesetzt, erprobt und in Verbindung mit dem Marketing in den „Normalbetrieb“ überführt werden.

Kooperation, Öffentlichkeitsarbeit und Entwicklung zweckmäßiger Strukturen

Während der Projektvorbereitung wurden bereits Interessenverbände, Institutionen und Kommunen als strategische Partner angesprochen. Diese und weitere Akteure sollen in der ersten Phase vertieft über den Projekthintergrund und die Entwicklung informiert und für die Mitwirkung gewonnen werden.

Die Beteiligung von Verbänden, Kommunen und Medienpartnern ist zur Erzielung der notwendigen Breite bei der Nutzeransprache, beim Marketing und für die Gestaltung des Metaportals und somit für den Erfolg des Projekts sehr wichtig. Des Weiteren sollen themennahe Projekte z.B. aus dem Bereich des Mobilitätsmanagements und verkehrsmittelübergreifende Informationsangebote kontaktiert werden.

Die Gespräche in dieser ersten Projektphase mit den Betreibern der Vermittlungsportale, den interessierten Verbänden und weiteren Akteuren sollen zudem zur Entwicklung zweckmäßiger Strukturen für den Betrieb des Metaportals genutzt werden (Betreibermodell/Organisation/neutrale Trägerschaft/Finanzierung/Dachmarke).

Ziel ist ein mit allen Beteiligten erarbeiteter, konsensual abgestimmter Fahrplan für die zweite Projektphase, ein Umsetzungskatalog, der die Anforderungen der Mitfahrvermittlungen an die Schnittstelle des Metaportals sowie den Rahmen der Zusammenarbeit beschreibt als auch deren Bereitschaft zur Beteiligung dokumentiert und auf dieser Basis eine Kosten- und Finanzierungsabschätzung für die Erstellung und den Betrieb des Metaportals als Mitfahrmarkt ermöglicht.

Als Ergebnis des Dialogs mit den verschiedenen Akteuren enthält der Katalog außerdem ein Grobkonzept für das begleitende Marketing in Phase 2 (Anforderungen, Aufwandsbeschreibung, Kostenabschätzung, Pflichtenheft).

Mit der Durchführung von Phase 2 soll begonnen werden, wenn sich eine hinreichende Zahl an Mitfahrvermittlungen und Partnern beteiligen. Wer am Anfang noch nicht dabei ist, kann auch später noch hinzukommen.

Projektablauf

  1. Zu Beginn werden die Ergebnisse des FoPS-Projektes als Basisinformation für Projektpartner zusammengefasst und als Problemaufriss zugänglich gemacht. Zudem werden die Datengrundlagen (Pendlerstatistiken, Nutzung von Fahrgemeinschaften) durch aktuellere Erhebungen ergänzt. Prozessbegleitend werden bei Bedarf ein User-Interface- und App-Experte und eine themenbezogene Rechtsberatung eingebunden.
  2. Zur Vorbereitung der späteren Ansprache der Betreiber werden anschließend in einer Status QuoVoruntersuchung die aktuell in Deutschland nutzbaren Mitfahrvermittlungen und verkehrsmittelübergreifenden Informationsportale erfasst (quantitativ und qualitativ) und Veränderungen in Bezug auf das FoPS-Projekt (Anzahl, Funktionalität, Mindeststandards) identifiziert. Die verschiedenen Daten-Schnittstellen-Standards werden untersucht und zusammengefasst. Zudem starten die Ansprache von Verbänden, Kommunen und der OpenData-Community und deren prozessbegleitende Einbindung.
  3. Als nächstes werden die Betreiber der Mitfahrvermittlungen angesprochen und über die für sie relevanten Ergebnisse des FoPS-Projekts, das geplante Metaportal als Mitfahrmarkt, das begleitende Marketing (in Kooperation mit strategischen Partnern) und die Vorteile einer Beteiligung an dem Suchportal informiert. Im Rahmen dieses Dialogs sollen die Anforderungen an die offene Datenschnittstelle ergänzt und konkretisiert werden.
  4. Parallel werden verkehrsmittelübergreifende Informationsportale, themennahe Internetangebote und Projekte angesprochen, informiert und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit bzw. Vernetzung mit dem Metaportal abgeklärt. Im Anschluss werden die Ergebnisse der verschiedenen Dialoge zusammengefasst und für die Vorstellung während einer Abstimmungs-Tagung aufbereitet.
  5. Im Rahmen der zweiteiligen Tagung (Verbände, Kommunen, interessierte Akteure) werden im ersten Teil retrospektiv die Ergebnisse des FoPS-Projektes, der Status-Quo der Voruntersuchung des Mitfahrmarktes und der Gespräche mit den Betreibern der Mitfahrvermittlungen vorgestellt. Anschließend werden Möglichkeiten zur Aktivierung/Förderung der Nutzung von Fahrgemeinschaften in Deutschland mit den eingebundenen Fachverbänden und weiteren Experten diskutiert, um Hemmnisse zu identifizieren. Im zweiten Tagungsteil werden frühere Kampagnen (Werbemedien, Aktionen, Erfahrungen) vorgestellt und die Ausgestaltung des Marketings für das neue Metaportal mit den Akteuren erörtert. Darauf aufbauend sollen die Verbände im Nachgang intern abklären, in welcher Form sie im Rahmen der Verbandsarbeit für das MetaMitfahrPortal werben möchten.
  6. Aus den Ergebnissen des Dialogs mit den verschiedenen Akteuren, der Tagung und den Rückmeldungen der Verbände wird ein Grobkonzept für das Marketing entwickelt.

Die Projektpartner

TAT TECHNIK ARBEIT TRANSFER GGMBH

Die Projektgesellschaften des TAT bearbeiten seit über 25 Jahren Themen der Nachhaltigen Entwicklung im Spannungsverhältnis Technik, Arbeit und Transfer, auch zahlreiche Projekte zum Thema “ darunter Nachhaltige Mobilität“.

Gerburgis Löckemann
Hovesaatstraße 6, 48432 Rheine
Telefon: +49 (0) 5971 990-195
E-Mail: mail@tat-zentrum.de
Internet: tat-zentrum.de

BÜRO FÜR NACHHALTIGKEIT UND MOBILITÄT (BÜNAMO) · ROLF MECKE

Rolf Mecke arbeitet seit 2002 in verschiedenen Projekten zum Thema „Nachhaltige Mobilität“ und dabei wiederholt im Bereich Mitfahrvermittlung. Im Rahmen seiner Tätigkeit unterstützte er Kreise, Städte und Verkehrsunternehmen bei der Öffentlichkeitsarbeit und bei der Umsetzung von kommunalen und betrieblichen Mobilitätsmanagementprozessen. Außerdem berät und unterstützt er Verbände bei der Medienarbeit und im Bereich Social Media.

Rolf Mecke
Moyländer Straße 38, 47574 Goch
Telefon: +49 (0) 2823 9259477
E-Mail: rolf.mecke@mmport.de
Internet: mmport.de

BINARY BUTTERFLY · ERNESTO RUGE

Ernesto Ruge ist freiberuflicher Entwickler und Berater. Er entwickelt Datenportale / Schnittstellen und ist einer von drei Kernentwicklern des Industriestandards OParl. Im Bereich Mobilität leitet er u.a. die Entwicklung von Giro-e (Konzeptentwicklung, leistungsfähiges Daten-Backend, Schnittstellenentwicklung), mit welchem die GLS Bank eine universelle Abrechnungsschnittstelle für Girocards an E-Auto-Ladesäulen anbieten will. Im Web-Umfeld ist Ernesto Ruge auch als Experte für technische Analysen bekannt, mit einem umfangreichen Netzwerk.

Ernesto Ruge
Am Hertinger Tor 1, 59423 Unna
Telefon: +49 (0) 2303 6766916
E-Mail: ernesto.ruge@binary-butterfly.de
Internet: binary-butterfly.de

Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons BY. Autor ist Rolf Mecke. Als Teil der Schriftenreihe MMPkompakt kann er auf der Seite des TAT in Form einer PDF heruntergeladen werden.